Der Bund als Immobilienverwalter: Ein Lehrstück in Ineffizienz
Während Berlin uns täglich erklärt, dass 1,4 Millionen Wohnungen fehlen, sitzt der Bund selbst auf 38.341 eigenen Wohnungen. Davon stehen 4.852 leer. Das ist kein Versehen. Das ist ein System.
Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) verwaltet den Immobilienbesitz des Bundes – und liefert dabei ein Paradebeispiel dafür, wie man es nicht machen sollte. Eine aktuelle MDR-Recherche hat die Zahlen auf den Tisch gelegt, und sie sind erschütternd.
Die nackte Wahrheit in Zahlen
Schauen wir uns den Leerstand genauer an:
- 2.608 Wohnungen (6,8 %) sind „sanierungsbedürftig"
- 1.127 Wohnungen (2,9 %) stehen „fluktuationsbedingt" leer – also zwischen zwei Vermietungen
- 1.117 Wohnungen (2,9 %) sind „nicht marktaktiv" – ehemalige Kasernen, Dienstwohnungen und ähnliches
Zum Vergleich: Private Vermieter haben im Schnitt etwa 4 % Leerstand. Der Staat? Über 12 %. Dreimal so schlecht wie die „Miethaie", die man in Berlin so gerne an den Pranger stellt.
Die Leerstandsquote der BImA ist in den vergangenen fünf Jahren sogar gestiegen – von knapp 8 % auf die aktuellen rund 10-13 %, je nach Berechnungsgrundlage. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) bestätigt diese Entwicklung.
Die Ausrede: „Strategiewechsel 2018"
BImA-Vorstand Christoph Krupp erklärt den Zustand mit einem „Strategiewechsel 2018": Man verkaufe nicht mehr, sondern halte im Bestand. Übersetzt heißt das: Man hat sich mehr vorgenommen, als man bewältigen kann.
Jahrelang wurde nichts saniert. Die Immobilien stammen größtenteils aus den 1950er und 1960er Jahren. Jetzt türmen sich die Probleme. In Dresden werden ganze Wohnblöcke abgerissen, weil Sanieren „unwirtschaftlich" sei. In Leipzig verrotten Liegenschaften vor sich hin. Mitten in der Wohnungsnot.
Die Linken-Politikerin Caren Lay, Vorsitzende des Bauausschusses im Bundestag, kritisiert: „Angesichts des Mietennotstandes ist es absolut unverantwortlich, dass der Bund eigene Wohnungen leer stehen lässt." Ein Problem sei, dass die BImA hohe Beträge an den Bundeshaushalt abführen müsse und deshalb zu wenig Mittel für Sanierungen behalten dürfe.
Das größere Bild: Deutschland baut nicht mehr
Der BImA-Skandal ist nur die Spitze des Eisbergs. Das ifo Institut hat in Zusammenarbeit mit der Euroconstruct-Forschergruppe Zahlen vorgelegt, die Deutschland als das offizielle Schlusslicht der europäischen Baukonjunktur brandmarken.
Die Fertigstellungszahlen im freien Fall
| 2024 | 252.000 | – |
|---|---|---|
| 2025 | 205.000 | -18,7 % |
| 2026 (Prognose) | 185.000 | -9,8 % |
| 2027 (Prognose) | 205.000 | +10,8 % |
| 2028 (Prognose) | 215.000 | +4,9 % |
Das politische Ziel der Bundesregierung: 400.000 Wohnungen pro Jahr. Die Realität 2026: Nicht einmal die Hälfte.
„Auch wenn in Europa wieder mehr Wohnungen gebaut werden, wird der Aufschwung in Deutschland verzögert und nur moderat einsetzen", sagt ifo-Bauexperte Ludwig Dorffmeister.
Deutschland im europäischen Vergleich
Deutschland baut nur noch 2,6 Wohnungen pro 1.000 Einwohner. Der EU-Schnitt liegt bei 3,4. Während Frankreich seine Fertigstellungen von 272.000 auf 314.000 steigert und Ungarn seine Kapazitäten nahezu verdoppelt (von 14.000 auf 27.000), schmieren wir ab.
Die Bauwirtschaft hat seit 2022 rund 25 % ihrer Wertschöpfung verloren. Bauzinsen verharren bei etwa 3,7 %. Baupreise steigen weiter um 2,6 %. Eine toxische Mischung aus hohen Kosten, restriktiver Zinspolitik und überbordender Bürokratie.
Die Konsequenzen tragen andere
1,4 Millionen fehlende Wohnungen
Das Pestel-Institut hat im „Sozialen Wohn-Monitor 2026" die Lage analysiert: Deutschland fehlen 1,4 Millionen Wohnungen – ein Rekordstand. Für die nähere Zukunft erwartet das Institut den Bau von lediglich rund 200.000 neuen Wohnungen pro Jahr, etwa halb so viele wie der angenommene jährliche Bedarf.
„Die Lösung der sozialen Frage dieser Zeit ist auch die notwendige Voraussetzung für eine wirtschaftliche Belebung des Landes", sagt Pestel-Chefökonom Matthias Günther. Der Wohnungsmangel ist zur Wirtschaftsbremse geworden.
Besonders betroffen: Die junge Generation bis 25, ältere Menschen und Menschen mit Behinderung. „Wir müssen junge Menschen heute komplett zu den benachteiligten Gruppen zählen", so Günther.
Fast die Hälfte der Großstädter an der Belastungsgrenze
Die Hans-Böckler-Stiftung liefert weitere bittere Zahlen: 49,2 % der Mieter in Großstädten zahlen bereits über 30 % ihres Einkommens fürs Wohnen. Das gilt unter Sozialwissenschaftlern und Immobilienexperten als Belastungsgrenze.
Gut ein Viertel der Haushalte muss mindestens 40 % des Einkommens für Warmmiete und Nebenkosten aufwenden. Knapp 12 % benötigen sogar mehr als die Hälfte ihres Einkommens für die Miete.
In Bremen liegt der Anteil der überlasteten Haushalte bei 47,5 %, in Köln bei 46,4 %, in Berlin bei 43,8 %.
Die konträre Perspektive: Mietpreisbremse als Symptombekämpfung
Und was macht die Politik? Sie diskutiert über Mietpreisbremsen.
ifo-Präsident Clemens Fuest warnt eindringlich: „Eine Verschärfung der Mietpreisbremse lindert die Wohnungsnot nicht. Sie zementiert das Problem der Knappheit."
Die Zahlen geben ihm recht:
- Diskrepanz zwischen Neu- und Bestandsmieten: bis zu 50 % in den Top-7-Städten
- Mobilitätsrückgang seit 2010: minus 20 %
Das zentrale Argument der Ökonomen: Die Mietpreisbremse „friert" den Markt ein. Wer in einer günstigen Altbauwohnung sitzt, zieht nicht mehr um – auch wenn die Wohnung längst zu groß ist. Ein Umzug in eine kleinere, neue Wohnung wäre aufgrund der Marktpreise oft teurer als der Verbleib im Bestand.
Wissenschaftlich belegt ist zudem, dass Mietpreisregulierungen die Investitionsanreize für den Neubau mindern. Wenn langfristige Erträge durch staatliche Eingriffe gedeckelt werden, fließt Kapital in andere Assetklassen oder Auslandsmärkte.
Die unbequeme Wahrheit
Ich war letzte Woche auf einer meiner Baustellen in Sachsen. Unweit: Ein staatliches Gebäude. Fenster vernagelt. Fassade bröckelt. Seit Jahren.
Ich saniere und werde neu bauen. Der Staat reißt ab.
Das Pestel-Institut sagt: 1,4 Millionen Wohnungen fehlen.
Die BImA sagt: Wir haben fast 5.000 – aber die sind halt kaputt.
Das ist kein Wohnungsproblem. Das ist ein Verwaltungsproblem.
Und während der Staat seine eigenen Buden verrotten lässt, diskutiert er über schärfere Regulierung für private Eigentümer.
Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Mietpreisbremsen werfen.
Der Amateur zeigt auf andere.
Der Profi schaut auf die eigenen Zahlen.
Quellen und weiterführende Links
- MDR (26.02.2026): „Trotz Wohnungsnot: Bund lässt eigene Immobilien seit Jahren leer stehen"
→ https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/mietwohnung-immobilien-bund-102.html - ifo Institut / Euroconstruct (27.02.2026): „European Residential Construction Recovering – Germany Lagging Behind"
→ https://www.ifo.de/en/press-release/2026-02-27/european-residential-construction-recovering-germany-lagging-behind - Tagesschau / Pestel-Institut (15.01.2026): „Sozialer Wohn-Monitor 2026: 1,4 Millionen Wohnungen fehlen"
→ https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/sozialer-wohnungsbau-126.html - Deutscher Mieterbund / Pestel-Institut: „Sozialer Wohn-Monitor 2026" (PDF-Download)
→ https://mieterbund.de/themen-und-positionen/studien/pestel-institut-sozialer-wohn-monitor-2026/ - Hans-Böckler-Stiftung (2021): „Fast 13 Prozent der Mieterhaushalte in deutschen Großstädten haben nach Abzug der Miete weniger als das Existenzminimum"
→ https://www.boeckler.de/de/pressemitteilungen-2675-13-prozent-haushalte-stadten-miete-existenzminimum-34612.htm - t-online (06.02.2026): „Wohnungskrise: So viele Wohnungen lässt der Bund leer stehen"
→ https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101113124/wohnungskrise-so-viele-wohnungen-laesst-der-bund-leer-stehen.html - BImA Pressemitteilung (08.05.2025): „Sofortprogramm zum Abbau des BImA-Wohnungsleerstands"
→ https://www.bundesimmobilien.de/los-geht-s-mit-rund-160-wohnungen-07d1751fe9947d9c
Wie seht ihr das – ist der Staat als Immobilienverwalter überfordert oder fehlt nur der politische Wille?
Herzlichst,
Rene Wanzlik
#Immobilien #Leerstand #BImA #Wohnungsnot #Klartext #Staatsversagen #ImmobilienInvestor #ifoInstitut #Mietpreisbremse #PestelInstitut